TEICHGLÜCK: OMPHALOS

Nachdem ich fast 3 Monate lang aufgrund einer Softwarestörung unfreiwillig offline war, bin ich wieder zurück, wenn auch nicht ganz fest im Sattel. Meine ungeplante Pause fiel zusammen mit der gegenwärtigen Pandemie. Diese hatte leider zur Folge, dass ich alle meine bevorstehenden Workshops absagen musste, darunter die Malferien in Villa Lugara und Tigh Roy in Italien bzw. Irland. Die gute Nachricht: Roy Galvin hat angeboten, den Tipperary Workshop auf nächsten August zu verlegen, sollten sich die Dinge bis dahin wieder normalisiert haben. Gleichzeitig musste ich mich mit gesundheitlichen Problemen auseinandersetzen, welche eine Phase der Introspektion und Neuausrichtung zur Folge hatte. Herausforderungen auf allen Ebenen …

Um mich über einen längeren Zeitraum zu motivieren, begann ich über ein 100-Tage Kunstprojekt auf Social Media nachzudenken. Das hatte mich schon einige Jahre gereizt, doch ich war außerstande, mich auf ein Thema oder Medium festzulegen. Eines Tages stand ich am Fenster und starrte versunken auf unseren Gartenteich, da fiel es mir plötzlich wie Schuppen vor den Augen: Das Thema lag die ganze Zeit vor mir!

(Zugegeben, im Nachhinein wundert’s mich, dass ich nicht früher draufgekommen bin: 100 Tage lang unseren Gartenteich zu fotografieren.)

Als ich anfing hatte ich keine ausgesprochen künstlerische Ziele. Ich hoffte, erstens, dass die Covid-Krise bis 29. Juni vorbei sein würde, also nach genau 100 Tagen. Zweitens, dass meine Disziplin (bzw. Sturheit) über den langen Zeitraum reichen würde. Doch zu meiner Überraschung entwickelten sich künstlerische Ziele im Laufe der Zeit auf ganz natürliche Weise. KünstlerInnen arbeiten ja nicht im luftleeren Raum, sondern brauchen ein Echo, eine Reaktion von anderen. Ich beobachtete die Reaktionen meiner AbonnentInnen – und zugleich, dass sich mein Ehrgeiz regte: zu erfreuen, zu unterhalten, zu erheitern, zu erbauen, zu trösten.

Anfangs fotografierte ich einfache, kontextbezogene, der Jahreszeit entsprechende Bilder. Eine dünne Eisschicht prägte die meisten Fotos der ersten Wochen. Dann begannen die Dinge zu wachsen. Die grünen Schafte der Rohrkolben und Schwertlilien, die rostfarbenen Seerosenblätter erhoben sich aus den Tiefen. Ein feiner gelber Pollenstaub legte sich auf die Wasseroberfläche. Molche mit leuchtend orangenen Bäuchen schwebten in bernsteingrünen Tiefen. Froschlaich erschien, löste sich auf, spülte Kaulquappenhorden in dieses kleine, stille Universum. Der Wandel wurde zum Leitmotiv. Mein Blickwinkel veränderte sich.

Im Laufe der Zeit begriff ich, dass mein Social Media Publikum meine Bilder beeinflusste. Würde dieser oder doch ein anderer Ausschnitt gefallen? Sollte ich jeden Tag das Sujet variieren oder lieber die gleiche Perspektive fotografieren, um die subtilen Veränderungen zu schildern? Wie konnte ich etwas hervorheben, das ich an einem bestimmten Tag als wesentlich erachtete? Immer öfter war ich bestrebt einen Ausschnitt zu wählen, der ästhetische Qualitäten auf der rein abstrakten, kompositorischen Ebene aufwies. Licht und Dunkel, Tonwerte und Formen, Farbe kontra Schwarzweiß. Schatten Spiegelungen, Bewegung. Zunehmend wichtig wurden die Nebeneinanderstellungen – Rhythmus und Reihenfolge. Allmählich erkannte ich das Potenzial dieser täglichen Einträge als Material für Werke in andere Medien.

Jetzt, im letzten Drittel des vorgegebenen Zeitraums, habe ich begonnen Filter spielerisch einzusetzen – einfache Apps verfügbar über iPhone und Instagram. Nichts Aufwändiges. Meine Erkundungen bewegen sich weg vom Konkreten und Erkennbaren – Teich, Stein, Seerosenblatt – in Richtung Abstraktion. Der Teich per se ist in den Hintergrund getreten, meine Aufmerksamkeit gilt nun den künstlerischen Aspekten, die mich dieser gewöhnliche Gartenteich auffordert zu erkunden. Ich hätte wohl kaum diese rein künstlerische Ebene erreicht, hätte ich nicht ein bisschen auch mit Langeweile zu kämpfen gehabt. Hätte ich mich nur für 10 Tage, oder 21, oder 30 verpflichtet, wäre ich nicht so tief eingedrungen. Gerade weil ich mich für den langen Zeitraum von 100 Tagen entschied, werde ich nun mit Erkenntnissen beschenkt. Diese seltsame Flaute lehrt mich Achtsamkeit – auf eine Art, wie ich sie noch nie erlebt habe.

So ist der Gartenteich in diesen aufreibenden Zeiten eine Quelle der Gelassenheit geworden. Ein Seelenspiegel, der mir Trost spendet – und der Beweis, dass ich ein Teil dieser Welt und der Natur bin – und lebe. Er ist mein Omphalos, mein Glück.

 

DANKBARKEIT

Die Adventszeit mit ihren Festen und Vergnügen hat bereits begonnen. Ich bin enorm dankbar für all das, was im vergangenen Jahr war – auch für mein Teil Glück, das mir erlaubt hat, meine Pläne auszuführen (s. vorigen Blog: “Kreier, Revidiere, Zerstöre, Kreiere”).

Zum einen ist mein Katalog nun veröffentlicht: “microcosm | mikrokosmos. Pond Stories | Teichgeschichten” ist ein hochwertiges, 96-seitiges, digital gedrucktes Buch, von Grafikerin Maren Witthoeft gestaltet, mit meinen Pastellbildern und Papierpulpemalereien, fotografiert von Jim Martin. Ich könnte nicht zufriedener sein. Wenn Sie ein Exemplar bestellen möchten, schreiben Sie mir bitte eine E-mail an gabi.glang@gmail.com (35 € + Porto).

Dann lade ich Sie ein auf dieser Webseite die Rubrik “Veranstaltungen” zu besuchen: Ich habe Details zu den beiden Kreativworkshops in Lugara und Tipperary, die ich in meinem letzten Blog erwähnte, gepostet. Momentan gibt es noch Plätze in beiden Kursen.

Schließlich und unmittelbar: zur Feier des neuen Katalogs öffne ich mein Atelier im Täle am 7. und 8. Dezember. Ein Großteil der Bilder, die ich hier ausstelle, sind im Katalog zu sehen. Ich freue mich auf Ihren Besuch kommendes Wochenende im Atelier | Galerie Gabriele Glang!

 

KREIERE, REVIDIERE, ZERSTÖRE, KREIERE

Ein altes Sprichwort besagt, wenn du etwas Neues machen willst, musst du zuerst Platz dafür schaffen. Das heißt: Altes rauswerfen. Da allerdings liegt der Hund begraben: Was darf bleiben, was muss gehen? Welche Projekte und Ideen gebe ich auf? Welche behalte ich? Der Prozess dauerte Wochen – aufräumen, wegwerfen, beide Ateliers reorganisieren (sowohl das Atelier daheim im Speicher, als auch das Atelier in Gosbach), umfunktionieren, renovieren, umrahmen. Und ja, auch zerstören. Ein schmutziges (und manchmal schmerzliches) Geschäft, aber einer muss sich ja drum kümmern, wer wohl … Es dauerte – der Frühling und Sommer gingen größtenteils drauf – und ich bin immer noch nicht fertig, aber es gibt Fortschritte.

Nach einem vielbeschäftigten und höchst produktiven Sommer (einschließlich Ewa Budkas Holzlithografie Kurs in der Art Print Residence in Arenys de Mar, sowie der nunmehr 3. Kurs zum Thema Papierschöpfen und Pulpemalerei bei John Gerard Paperworks in Hilberath), schien mir eine Bestandsaufnahme zwingend. Mag es die Kraft der Gewohnheit sein – stets begann das Schuljahr im September – jetzt scheint es mir jedenfalls ganz natürlich darüber nachzudenken, wie es weitergehen soll.

 

NEUER KATALOG

Es hat sich herausgestellt, dass die neuen Arbeiten der letzten zwei Monate ein altes Thema aufgreifen, ein Sujet, mit dem ich mich seit Jahrzehnten befasse: mit dem Mikrokosmos Teich. Ohne viel Aufhebens habe ich mich also auf den Weg gemacht, einen neuen (zweisprachigen) Katalog zu produzieren: MICROCOSM. POND STORIES | MIKROKOSMOS. TEICHGESCHICHTEN.

Momentan bin ich dabei, Angebote für den Druck einzuholen. Die Fotos (ca. 80 Bilder) sind bereits gemacht (herzlichen Dank an Jim Martin, mein treuer Stuttgarter Fotograf par excellence!) und die Grafikerin Maren Witthoeft hat ein wunderschönes Layout konzipiert. Malerin/Galeristin (und langjährige Kennerin meiner Arbeit) Dorothea Schrade hat zugesagt, einen Text für das Buch zu schreiben. Die Veröffentlichung soll Anfang Dezember sein, eine Buchvorstellung wird im Gosbacher Atelier stattfinden, samt Ausstellung der Arbeiten, die im Katalog erscheinen.

Wie bei vergangenen Projekten, hoffe ich sehr, dass ich auf Eure/Ihre Unterstützung – LeserInnen, FreundInnen, Fans und SammlerInnen – zählen kann! Demnächst kommt Post von mir mit Details. Oder auch über Facebook und Instagram. Wer in meiner Kartei aufgenommen werden möchte, bitte eine E-mail an gabi.glang@gmail.com schicken.

 

NEUE LOCATIONS

Endlich habe ich wieder ein paar neue Orte für meine kreativen Kurse im Ausland gefunden. Zum einen in den Apenninen nahe Modena, Italien, zum anderen in County Tipperary, Irland, für Juni respektive August 2020. Die genauen Termine gebe ich demnächst per E-mail im Herbst bekannt. Wer sich auf dem Verteiler eintragen möchte, bitte per Mail unter gabi.glang@gmail.com.

 

 

Gijrradàlvvie – Jahreszeit des Erwachens

Laut Sami Kalender ist Anfang Frühling die Jahreszeit des Erwachens. Hier in Süddeutschland fällt mir auf, dass ich nicht mehr in völliger Dunkelheit erwache. Jeder Tag bietet einen wahren Strauß von Witterungen: mal Nieselregen, mal böiger Wind, ein Graupelschauer oder ein kurzes Schneegestöber, das die matschigen Acker für einige Augenblicke bestäubt. Dazwischen erleuchtet ein plötzlicher Sonnenstrahl die Regentropfen, die an den festen Knospen der noch nackten Zweige hängen. Es ist die Jahreszeit der Regenbogen. Und wenn ich einem solchen schimmernden Bogen zwischen Schwäbischer Alb und grübelndem Himmel begegne, durchströmt mich zwangsläufig eine stille Freude ob dieser ephemerischen Verheißung.

 

 

Dálvvie – Jahreszeit der Pflege

Die Samís betrachten Februar – Dálvvie ist tiefer Winter – als die Jahreszeit der Pflege. Unter dem Schnee ruht die Natur, die Welt verlangsamt, erneuert sich. Die Rentiere bewegen sich langsamer, achtsamer und behutsamer. Die Nahrungssuche unter den dicken Schneemassen ist beschwerlich – und eine Frage des Überlebens.

Es ist Lichtmess, dem letzten der Weihnachtsfeste, das auf das zunehmende Licht des Frühlings hinweist. Allerdings sieht die Landschaft im Moment alles andere als frühlingshaft aus. Seit Wochen wächst und schwindet die Schneedecke, mal türmen sich schwere Haufen, dann schmelzen sie wieder im kurzen Tauwetter, gefolgt von einer frischen Ladung Pulverschnee. Heute dräut der Himmel ein mürrisches Grau. Stechender Nieselregen hinterlässt einen heimtückischen Glanz auf der schmelzenden Schneehaut. Nicht einmal ein Schneeglöckchen kann ich mir vorstellen … Und mein Lieblingsplatz ist schlummernd auf dem Sofa. Meine Art des Überwinterns.

Trotz eintönig grauer Tage beobachte ich, dass die Tage tatsächlich länger werden. Für mich bedeutet Februar eine Pause von meiner Arbeit als Übersetzerin und Hochschuldozentin. Jetzt ist die Zeit für Langsamkeit, Achtsamkeit, Behutsamkeit. Jetzt ist die Zeit, um Ziele zu überdenken und der Frage nachzugehen, wohin mich meine künstlerische Arbeit in Zukunft führen soll. Mein jüngster Sohn, ein Bildungswissenschaftler, nennt das Metakognition. Für mich ist das schlicht ein Reflektieren über erreichte und zukünftige Ziele.

Glücklicherweise geht das auch auf meinem Sofa. Zwischen Langlaufskitouren und Steinlithographie Kursen.

 

 

Giessie und Tjaktje – Kontemplation und Begehren

Der Sommer der Sámis, Giessie, dauert nur etwa einen Monat – und lädt zur Entschleunigung ein. In den meisten westlichen Kulturen assoziieren wir nicht unbedingt Sommer mit Kontemplation. Meine Kindheitserinnerungen drehen sich um das Schwimmen im nachbarschaftlichen Freibad, um das Üben meiner Kunstsprünge und um das gleichmäßige Braunwerden. Es war Ferienzeit: Zeit für den 2-wöchigen Familienurlaub am Strand, für das Entspannen im Garten, für Grillfeste, für das Lesen unterm Baum bis es Dunkel wurde.

Vergangenen Sommer ist mein Vater gestorben. Die Wochen unmittelbar darauf waren viel zu geschäftig, weder mein Terminkalender noch mein Herz ließen ein ausgiebiges Nachdenken zu. Zum Glück war unser Altweibersommer besonders ausgedehnt, so dass ich doch noch mein Bedürfnis nach Kontemplation stillen konnte.

Nun endlich ist meine Seele wieder im Einklang mit dem Rhymus der Sámis. Tjaktje – die Jahreszeit des Begehrens – ist die Zeit der Rentierbrunft. Die Tage ordnen sich immer mehr der wachsenden Dunkelheit unter, bis das Licht nur noch als dünne Spalte am Horizont zu sehen ist. In den USA feiern wir am Ende dieser Zeit das wohl wichtigste Familienfest: Erntedankfest. Dieses Jahr feiere ich zum ersten Mal ohne meinen Vater. Dankbarkeit ist schwierig in der Trauerzeit. Manchmal kann einen die Trauer schlicht überwältigen. Doch ich mache einen Schritt nach dem anderen. Ich bin dankbar, dass sein Tod zweifelsohne eine Erlösung war. Ich bin dankbar für die Ernte – real sowie metaphorisch. Ich sammle, sichte, bewahre die Erinnerungen und das, was ich vom Leben meines Vaters weiß.

In der Zwischenzeit duften die im Keller gelagerten Äpfel still vor sich hin. Ich pflanze Blumenzwiebeln für den kommenden Frühling. Ich sammle Pilze, Schlehen, Walnüsse, Hagebutten. Und im kalten Boden unter meinen Füßen spüre ich noch immer mein Begehren – was ich tun, machen, schöpfen will – trotz des unerbittlichen Flusses der Zeit. Ich spüre das Verlangen, weiterzumachen. Und ich werde weitermachen.

Ephemera

Die Samí Jahreszeit Gijrragiessie, Frühsommer, beginnt kurz vor Mittsommer und dauert nur wenige Wochen, nicht einmal einen Monat. Erst danach beginnt der Sommer, Giessie, der bis Ende August dauert. Doch in Wahrheit ist hier auf der Schwäbischen Alb der Sommer bereits in vollem Gang. Die Rosen im Garten gedeihen prächtig: Eine magentafarbene Kletterrose, erst vor ein paar Jahren gepflanzt, wölbt sich blütenschwer zum ersten Mal über den eisernen Bogen, der zu diesem Zweck installiert wurde. Die Weizenfelder schimmern silbrig-falb, als wären sie mit Mondlicht verbrämt. Die Gerstenfelder neigen zu Rosa-Beige. Würde ich sie heute malen, würde ich Porträtfarben zur Hand nehmen. Kürzlich entdeckte ich im Buchenwald einen ausgedehnten Stand seltener Türkenbundlilien: krapprote Juwelen, jeder getüpfelte Blütenkopf nur pflaumengroß.

Vieles erfreut das Auge, doch dieser Mittsommer stimmt mich melancholisch. Etwas in mir weigert sich, die Jahreswende hinzunehmen. Die Gewissheit, dass die Tage wieder kürzer werden. Dass diese – freudigste aller Jahreszeiten – bereits die Samen des Todes in sich trägt. Obschon mir die Notwendigkeit dieses Zyklus voll bewusst ist, betrauere ich im Voraus die vergänglichen Schönheiten des Sommers, den unabänderlichen Verfall.

Das Wort für mein Empfinden lautet: antizipative Trauer, die vorwegnehmende Trauer um einen bevorstehenden Verlust.

Wie immer, sind mir meine Gefühle voraus. Also schaue ich auf Mutter Natur, die mir den Weg weist. Die mir die ersehnte Heilung schenkt. In der sich meine Seele wiegt.

 

 

Die, die nicht existieren, können keine Ansprüche stellen.
– Nils-Aslak Valkeapää (alias Áilluhaš)

 

Gijrra: Jahreszeit des Erwachens

Gijrra, so nennt das Volk der Sámi die aktuelle Jahreszeit, bedeutet echter Frühling. Im hohen Norden werden die Rentierkälber geboren, machen ihre ersten unsicheren Schritte. Die länger werdenden Tage schmelzen das Eis, Bäche und Flüsse schwellen an. Die riesigen Zugvogelschwärme finden sich ein. Ich habe keine Ahnung, ob der Frühling das Land der Samen schnell oder langsam erreicht. Hier auf der Schwäbischen Alb hatte es der Frühling jedenfalls eilig. Die Lärchen kamen spät, doch weil der April recht warm war, blüht jetzt alles auf einmal. Für eine Malerin ist es eine Herausforderung, die Pracht der Streuobstwiesen einzufangen, während zur gleichen Zeit der Flieder nebst verspäteten Schlehen blühen – und dann sind da noch diese Vanille-Erdbeereis Tulpen, die ich aus Amsterdam letzten November mitbrachte. Ich bin beim Fahren so abgelenkt, dass ich manchmal das Auto anhalten und mein Handy zücken muss, um all das zu fotografieren, was mich in Entzücken versetzt. Das ist die schnellste Art Notizen zu machen, die ich kenne. – Und jedes Mal, wenn ich die Fotos auf meinen Computer lade, ergreift mich die Ungeduld, mich in ein neues Oeuvre zu stürzen.

Hier auf der Schwäbischen Alb gibt es ein weiteres Wetterphänomen, welches man sich hüten sollte zu ignorieren: die Eisheiligen. Der Kälteeinbruch mitte Mai kann ungeduldigen Gärtnern, die ihre Topfpflanzen bereits ins Freie gebracht haben, eine böse Überraschung bereiten.

Im Frühsommer sind die Sámis am geschäftigsten: Die Rentierfelle werden zu Leder verarbeitet, gegerbt und gefärbt mit Weiden- und Birkenrinde, die sich zu dieser Jahreszeit leicht entfernen lässt. In der Arktis gibt es einen ähnlichen Kälteeinbruch: Da kann es schneien, die Blumen erfrieren, oder die Moltebeeren-Ernte vernichtet.

Auch in mir strömt ein Produktivitätsschub, doch mir ist bewusst, dass ich meine Kräfte einteilen, die Dinge in ihrem ureigenen Tempo wachsen und entwickeln lassen muss. Wie bei jeder neu erlernten Fähigkeit hängt der Fortschritt von Fehlern ab. Ausrutscher, Unsicherheiten gehören dazu. Alles ist noch unbekannt. Jetzt heißt es: Mich sammeln, das Herz in die Hand nehmen für das, was vor mir liegt, die Vision einer Zukunft.

Seht, meine Freunde,
der Frühling ist da.
Freudig empfängt die Erde
der Sonne Umarmungen
und bald sehen wir
die Frucht ihrer Liebe!
(– Sitting Bull, “Bjiejjie”)

 

 

Erwartungen

Vom Frühling kann man es wohl noch nicht behaupten, doch mein neues Atelier in Gosbach ist nun bereit. Und heißt mich, und jeden Gast, willkommen. Es fühlt sich noch nicht vertraut an. Kalt ist es auch: Die Heizkörper erwärmen sich nur langsam. Ich suche ewig nach einem Meterstab, einem Bleistift, einer Rolle Klebeband. Und wo ist das herrliche handgeschöpfte Papier, das ich im Januar von Gerard Paperworks bestellt habe? Ich habe noch nicht mein neues Quartier in Besitz genommen. Ich visualisiere die Bilder, die ich malen werde. Doch fehlte mir bis jetzt ein ungestörter Tag, in dem etwas Neues Gestalt annehmen könnte.

Seit meinem letzten Blog ist der Frühling noch immer nicht da. Chaos regiert. Heute, zum Beispiel: Es schneit. Es regnet. Die Sonne scheint. Ein irrer Wind narrt die nackten Äste. Und im nächsten Augenblick verdeckt ein Hagelschleier die Sicht auf ferne Felder, verdrießlich, aufgeweicht, erwartungsvoll, unter unbeständigem Himmel. Oder vielleicht bin ich es, die verdrießlich, aufgeweicht, erwartungsvoll ist. Ich befinde mich in einem Prozess der Neuerfindung, der Häutung einer Identität, die nicht mehr meinen Bedürfnissen entspricht. Neue Aufgaben, neue Pflichten, neue Tätigkeiten zwingen mich zur Neuordnung, Neuorientierung. Ich weiß noch nicht genau, wer ich bin, wer ich sein werde, welche Identität sich aus der alten Haut heraus schälen wird. Außerdem weiß ich nicht, was ich anziehen soll.

Veränderung ist unerbittlich, beständig, aufreibend.

Neulich stahl ich mir eine Stunde für einen Albtrauf-Spaziergang in der Nähe meines Zuhauses, um meinen Kopf frei zu bekommen und den Märzenbechern meine alljährliche Reverenz zu erweisen. Obwohl ich auf den nassen Steinen ausrutschte und mit dem Hintern auf den Matsch knallte, wurde meine Beharrlichkeit belohnt. Eine üppige Märzenbecher-Flut spülte die Hänge hinab, der Höhepunkt ihrer Blüte. Makellos leuchteten die prallen, tropfnassen Glöckchen. Die Dorfkirche läutete elf Mal, eine sanfte Erinnerung an Alltagszwängen. Und daran, dass ich das Warten verlernt habe. Der Tag erblüht, die Jahreszeit entfaltet sich.

In diesem Augenblick musste ich nur lauschen und schauen, um dieses Märzenglück zu spüren.

 

Umbruch – Verwandlung

Noch hat Winter die Oberhand. Ein flüchtiger Schnee bestäubt die Felder, die Farben wirken fahl. Doch kleine grüne Speere bohren sich durch die verkrustete Erde. Das erste Schneeglöckchen läutet Gijrradálvvie ein, so nennt das nordeuropäischen Volk der Samen die Jahreszeit des Erwachens. Die Amerikaner des Nordostens nennen es mud season, die Jahreszeit des Matschs. Ein schmuddelig-chaotischer Umbruch, intensiv wenn auch kurz, am Ende dessen die große Verwandlung – Frühling – steht.

Dies beschreibt haargenau mein Leben in den letzten Monaten. Abrupt und unerwartet kam die Kündigung meines schönen Wiesensteiger Ateliers an der Fils, nach knapp vier Jahren. Einen Monat später fand ich ein neues, nur drei Kilometer stromabwärts, in dem hübschen Dorf Gosbach. Die letzten arbeitsreichen Wochen waren angefüllt mit Renovierungen und Umzugsvorbereitungen. Das neue Atelier ist halb so groß wie das alte, das bedeutet für mich schmerzhafte Verschlankung. Ein schmutziges Geschäft, heißt es doch Ausmerzen, Lieblinge töten.

Zugleich will etwas Neues heranwachsen. So ist ein Teil von mir in Zerstörungsmodus, der andere erfindet sich neu. Ein Teil von mir trauert, der andere malt sich eifrig aus, wie es wohl sein wird. Hunderte gerahmte Bilder werden eingepackt, dabei wird aussortiert, was wörtlich und bildlich nicht mehr “passt”. Jede Spur meines Hiergewesenseins wird weggeputzt und entsorgt. Daneben steht die anstrengende körperliche Arbeit des Renovierens, Anstreichens, Reinstallierens und des Sich-Aneignens des neuen Ateliers.

Bis 1. März soll die Verwandlung vollzogen sein. Ich freue mich, Sie und Ihre Freunde dann in meinem neuen Atelier + Galerie Glang, Unterdorfstraße 19, 73342 Bad Ditzenbach-Gosbach begrüßen zu dürfen.

Webseite Manager: Leo Ebert-Glang

Programmierer: Benjamin Rindt

 

Dálvvie – Winter, Jahreszeit der Pflege

Ich freue mich, dass endlich wahr wird, was lange gedauert hat: die Neuauflage meiner Webseite!

Neuer Look, neue Inhalte, benutzerfreundliche (selbst-)Bedienung, all dies soll mich hoffentlich anspornen, das Aktualisieren regelmäßig zu betreiben. Ich bin jedenfalls voller guter Vorsätze.

Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle: Leo Ebert-Glang und Benjamin Rindt, die die Konzeption und Programmierung verantwortlich sind. Ich hoffe die beiden betreuen mich noch eine Weile, damit ich irgendwann die Webseite selber pflegen kann.

Vor einigen Jahren entdeckte ich die acht Jahreszeiten der Samen, einem indigenen Volk im Norden Skandinaviens. Die Jahreszeitennamen, die in meinen Ohren sehr poetisch klingen, spiegeln ihre Naturverbundenheit: Das Leben der allermeisten Samen dreht sich um die Rentierzucht. Die Rentiere sind nur halbdomestiziert, und folgen wie ihre wilden Vorfahren jahreszeitenbedingt Wanderrouten in unwegsamer Landschaft zwischen Wald und Gebirge. Der Frühwinter wird zum Beispiel die Jahreszeit der Wanderungen genannt, Tjakttjadálvvie. Es ist die Zeit, in der sich die Rentiere neue Nahrungsgebiete suchen. Dálvvie, das ist der tiefe Winter, der Hochwinter: In dieser Zeit ruht die Natur unter einer tiefen, schützenden Schneedecke. Spätwinter, Gijrradálvvie, zwischen Ende Februar und Ende April, ist die Jahreszeit des Erwachens.

In meiner Vorstellung also sollen die nächsten Wintermonate eine Zeit des Pflegens sein. Die Natur fährt herunter, schläft, erneuert sich, um dann im Frühling wieder voller Saft und Kraft zu erwachen. Angelehnt an die samischen Jahreszeiten soll dieser Blog acht Mal im Jahr erscheinen. Was Euch erwartet? Lasst Euch überraschen!

 

 

Bücher

GÖTTERTAGE

Fiktionale Monologe der Paula Modersohn-Becker

2017 Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen (Lyrik)

Offset print, hardcover, 96 pp. 18 €

ISBN 978-3-86351-459-4

(To order | Bestellungen: kloepfer-meyer.de)

WASSERLÄUFE | WATERWAYS

2017 Palimpsisters Press (bilingual art catalogue), Geislingen/Steige

Digital print, softcover, 15 €

(To order | Bestellungen: gabi.glang@gmail.com)

BALTIC BLUES

2015 Palimpsisters Press (bilingual art catalogue and poems), Geislingen/Steige

Digital print, hardcover, 25 €

(To order | Bestellungen: gabi.glang@gmail.com)

BLUE SILENCE ABOUNDS

Nocturnes in a Minor Key

2015 Palimpsisters Press (English poems), Geislingen/Steige

Digital print, hardcover, 20 €

(To order | Bestellungen: gabi.glang@gmail.com)

SEASONS OF SHARING

Kasen Renku in 5 languages (poems)

2014 Joyce Brinkman, Carolyn Kreiter-Foronda, Flor Aguilera, Catherine Aubelle, Gabriele Glang, Leapfrog Press, Fredonia, NY

Softcover, 12 €

(To order | Bestellungen: gabi.glang@gmail.com)

PALIMPSESTS | PALIMPSESTE | PALIMPSESTES

2013 Trilingual art catalogue with Catherine Aubelle (paintings and poems)

self-published, Geislingen/Steige

Offset print, hardcover, 40 €

(To order | Bestellungen: gabi.glang@gmail.com)

IN A CERTAIN PLACE

2000 SCOP Publications, Maryland (anthology, edited by Carolyn Kreiter-Foronda, Alice Marie Tarnowski)

(To order | Bestellungen: http://www.storie.it/english/issues/2/)

STARK NAKED ON A COLD IRISH MORNING

1990 SCOP Publications, Maryland (English poetry)

(out of print)

FREE STATE: A HARVEST OF MARYLAND POETS

1989 SCOP Publications, Maryland (anthology, edited by Gabriele Glang

(out of print)

Komplette Liste der Veröffentlichungen in Anthologien sowie Printmedien: Download